Lobende Worte für das DDR-System



Vor dem Duell mit Aue: Marco Rose über die Zeit in Leipzig / Meyer und Geyer arbeiteten Stasi zu

Vier Tage nach dem Tag der Deutschen Einheit empfängt Fußball-Zweitligist FSV Mainz 05 im Bruchwegstadion den zweiten Ostklub in der Klasse neben Carl-Zeiss-Jena, Erzgebirge Aue. Eine gute Gelegenheit, Geschichte zu thematisieren, auch mit dem Auer Coach Gerd Schädlich aber vor allem dem Mainzer Außenverteidiger Marco Rose. Der 31-Jährige, wie Schädlich Kind der ehemaligen DDR, könnte gegen Aue sein Comeback nach einem überstandenen Mittelfußbruch geben.

Von Jens Grützner

1971 wurden auf Grundlage der Richtlinien des Deutschen Turn- und Sportbunds im Fußballverband der DDR schrittweise 196 Trainingszentren errichtet. Gleichzeitig wurde mit der Einschulung der 13-jährigen Talente in die Kinder- und Jugendsportschulen begonnen. Damals war Marco Rose noch nicht auf der Welt. Aber dessen Vater kickte in der damaligen Zweiten Liga im Osten. "Ich komme also aus einer Fußballerfamilie", sagt der Mainzer Abwehrspieler. Und es dauerte nicht lange, da fand sich der Knabe Marco Rose in der Heimat Leipzig im ersten Verein wieder: SC Rotation 1950. "In den verschiedenen Leipziger Stadtteilen gab es diese Trainingszentren", erklärt Rose. Dort absolvierte er zwei Einheiten zusätzlich in der Woche. Und in diesen Zentren schauten auch ständig Scouts der großen Klubs vorbei. "Ich bin von Lokomotive Leipzig gesichtet worden", erinnert sich der 05er. Von jenem Verein, der 1987 in Athen Ajax Amsterdam im Europapokalfinale der Pokalsieger 0:1 unterlag.

Rose schaffte anschließend den Sprung auf die Leipziger Kinder- und Jugendsportschule. "Voraussetzung waren unter anderen Fertigkeiten bei bestimmten Jonglierformen, andere technische Dinge und gute Torabschlüsse", sagt der Abwehrspieler. Mit einem Fahnenappell wurde der 05er dann von seiner alten Schule verabschiedet. "Es war also schon etwas Besonderes, bei der KJS ankommen zu dürfen." Der Alltag dort begann mit morgendlichen Übungseinheiten, ging mit dem normalen Schulbetrieb weiter, bevor erneut Fußball auf dem Lehrplan stand. "Es gab sicherlich viel Techniktraining, mitunter wurde mehr gemacht als in heutigen Profivereinen, aber ganz so hoch würde ich diese Thematik jetzt trotzdem nicht hängen. Wer aber in der Schule nicht gut war, der ist schnell wieder aus den Talentschuppen verschwunden", sagt Marco Rose. An dieser Stelle hakt Gerd Schädlich, Trainer des FC Erzgebirge Aue, gerne ein. Schädlich, 30-maliger DDR-Oberliga-Spieler, arbeitete als Diplomsportlehrer beim Deutschen Turn- und Sportbund der DDR bevor er nach der Wende zum Profifußball kam. "Die Kinder damals konnten noch ohne Taschenrechner Mathematikaufgaben lösen. Auf diesen Schulen gab es eine sehr ordentliche Ausbildung."

Als die Mauer 1989 fiel, relativierte sich der elitäre Charakter der KJS schnell. "Plötzlich kamen ganz normale Kinder auf diese Schulen", so Marco Rose. Keiner aus seinem engeren Kreis schaffte außer ihm noch den Sprung in den professionellen Fußball. Aber einer, dem Marco Rose bei Bezirksauswahlspielen gegenüber stand, einer, mit dem er in der Landesauswahl kickte, der kam ganz groß raus: Michael Ballack. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft war in Chemnitz zur Schule gegangen. Und dort "installierte" der Deutsche Fußball-Bund vor einem Monat wieder eine "Eliteschule des Fußballs". Gerd Schädlich kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Es ist halt falsch, den DDR-Sport von früher rein auf ein funktionierendes Doping-System zu reduzieren. Wir lagen mit unseren Sportschulen damals auch schon richtig. Wir mussten uns nicht verstecken." In diesem Zusammenhang ist aber bemerkenswert, dass es in der zentralistisch strukturierten DDR und im gleichsam zentralistisch gelenkten Sportsystem 40 Jahre nicht gelang, die gleiche Organisationsstruktur wie in anderen Gesellschaft- und Sportbereichen auch im Fußball zu installieren. Das ist wohl ein Hauptgrund, weshalb die Erfolge an der Kugel gering waren im Vergleich zu denen der Leichtathleten und Schwimmer. Die Macht im Fußball lag bei den Sekretären der SED-Bezirksleitungen in den Provinzen, oder bei Erich Mielke, dem Chef der Staatssicherheit, auf dessen Geheiß Schiedsrichter von 1978/79 bis 1987/88 den BFC Dynamo zehnmal hintereinander zum DDR-Meister pfiffen. Und das alles nur, weil der Berliner Verein Mielkes liebstes Spielzeug war.

Marco Rose sagt: "Meine schulische und sportliche Ausbildung betrachte ich im Nachhinein als gute Sache." Doch ohne Einschränkung fällt der Mainzer dieses Urteil nicht. "Ein Mann wie Matthias Sammer hätte seine Karriere vielleicht nicht so früh aufgrund von Knieproblemen beenden müssen, wenn die Beanspruchungen in der Kindheit nicht so groß gewesen wären." Doch es ist gerade Sammer, der frühere Musterprofi des VfB Stuttgart, Inter Mailand und Borussia Dortmund, der als Sportdirektor des DFB den Wert der neuen Fußballschulen im Land propagiert.

Allerdings war der DDR-Fußball nicht nur geprägt von guter technischer Ausbildung und den Manipulationen durch Mielke. Wie unter anderem in Hanns Leskes Buch: "Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder" zu lesen ist, arbeiteten der heutige Nürnberger Trainer Hans Meyer, der frühere Cottbuser Coach und Chef beim Oberligisten Sachsen Leipzig, Eduard Geyer, der Staatssicherheit als inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit kräftig zu. Ein Querkopf wie Klaus Sammer, Matthias´ Sammers Vater, Trainer bei Dynamo Dresden, wurde direkt auf der Trainerbank abgehört. Eine installierte Anlage dort machte es möglich. Geschichten, wie sie die Welt nicht braucht.

Marco Roses Vertrag in Mainz läuft noch bis 2009. "Mal gucken, was dann passiert. Eigentlich will ich schon wieder zurück nach Leipzig." Mit dem Fußball dort sieht es allerdings schlecht aus: Der FC Sachsen ist weiter nur Oberligist und Lok Leipzig krebst in den Niederungen herum.


(Quelle: "Allgemeine Zeitung Mainz")
   
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