Kontrollierte Offensive im Haushalt



SVWW-Spieler Sandro Schwarz teilt sich die Wohnung mit Marco Rose von Mainz 05

Von Henning Kunz

MAINZ Manchmal will man nur seine Ruhe haben, zieht sich in sein Reich der WG zurück, lässt die Tür hinter sich ins Schloss fallen und damit ist alles geklärt. Auch für den Rest dieser nicht ganz alltäglichen Woche geht man seinem Mitbewohner aus dem Weg, bis man sich am Sonntag um kurz vor 14 Uhr im Mittelkreis eines Fußballstadions zur Platzwahl trifft und erst dort wieder das erste Wort miteinander spricht. Wappen oder Zahl? Rot oder Schwarz? Anstoß oder Seitenwahl? Kein wirklich tiefgründiges Gespräch zwischen besten Freunden.

"Netter Versuch", sagt Sandro Schwarz. Der Fußballprofi lacht. Kurzzeitig befürchtet man gar, er kriegt sich nicht mehr ein. Schließlich sagt er: "Nein, wegen des Derbys lassen wir nicht unseren Alltag ruhen." Seit mehr als zwei Jahren bewohnen Sandro Schwarz, der Kapitän des SV Wehen Wiesbaden, und Marco Rose, der (stellvertretende) Spielführer von Mainz 05, zusammen ein Haus in Mainz. Beide sind seit ihrer gemeinsamen Zeit bei den 05ern befreundet, der eine nennt den anderen "Bruder", am Sonntag spielen die "Brüder" gegeneinander. Zum ersten Mal überhaupt. Wiesbaden gegen Mainz bedeutet Schwarz gegen Rose. "Natürlich ist es etwas Besonderes für mich, gegen Sandro zu spielen", sagt Rose, "aber wir sind erwachsene Menschen und es gibt keinen Grund, sich voneinander abzuschotten." Redeverbot? "Iwo. Wir reden nicht erst seit heute über das Derby, sondern seitdem wir im Bundesliga-Abstiegskampf steckten und Wehen im Aufstiegskampf."

"Und wer nun denkt, bei uns dreht sich alles um Fußball", sagt Rose, "der liegt gar nicht so falsch." Sie müssen sich nicht dafür rechtfertigen. Es ist ihr Beruf. Auch Fußballprofis teilen ihre Gedanken und Sorgen. In diesem Fall: Daheim auf der Couch. "Es ist einfach schön, wenn man nach Hause kommt und jemand zum Quatschen da ist", sagt Rose. Er weiß alles über Schwarz, kennt "die Geschichten von Leuten, die ihm die Zweitligatauglichkeit abgesprochen haben und jetzt nicht wahr haben wollen, wie wichtig Sandro für den SVWW ist". Schwarz weiß, wie sein Kumpel unter der jüngsten Verletzungsauszeit gelitten hat. Wochenlang zusehen zu müssen, ohne selbst eingreifen zu können. Schwarz: "Ein Typ wie Rosi, der auch mal den Mund aufmacht und Verantwortung übernimmt, ist für jede Mannschaft wichtig."

So wie Sandro Schwarz am liebsten Fußball spielt, so hält er es auch im Haushalt. "Sandro ist ein Tick ordnungsliebender als ich", gibt Rose zu. Wie auf Kommando bestätigt Schwarz, der im (Mittelfeld-) Zentrum des SVWW den Takt vorgibt: "Ordnung muss sein. Das bedeutet nicht, dass Rosi faul ist." Rose wiederum: "Ich bin für kontrollierte Offensive im Haushalt." Kombiniere: Schwarz heizt rund um die Uhr mit Besen oder Staubsauger durchs Haus, während sich Rose, geschlaucht vom Training, auf der tiefen Wohnzimmercouch fläzt und sich in der Glotze die Kultserie "King of Queens" anschaut. So könnte man es sich vorstellen, ist es aber nicht. Auch wenn auf dem riesigen Fernseher vor der mediterranen Steinwand tatsächlich gerade die beliebte TV-Sitcom läuft, während Schwarz nebenbei auf dem Laptop seine E-Mails prüft.

"Jeder macht im Haushalt das, was gerade anfällt", sagt Rose, "wenn nichts mehr da ist, kauft der ein, der zuerst den leeren Kühlschrank geöffnet hat." Spontane Arbeitsteilung, die demnächst tatkräftig unterstützt werden soll, "wir suchen dringend eine Putzfrau", betont Schwarz. Das nur nebenbei.

Das Derby haben sie schon ein paar Mal ausgespielt. An der Dartscheibe im Wohnzimmer. Oder auf der Mini-Tischtennisplatte. Die Bilanz: mal so, mal so. Ob des "Hausfriedens", wie Schwarz sagt, könnte er am Sonntag mit einem Punkt "gegen den bisher stärksten Gegner" gut leben. Rose auch. "In Anbetracht unserer brutalen Auswärtsschwäche wäre ein Punkt ein Erfolg." Sollte es doch einen Verlierer geben, wird der keine Strafarbeiten im Haushalt machen müssen. "Der Gewinner leistet Aufbauarbeit", erklärt Rose, "lädt den Verlierer zum Essen ein." Das wäre eine nette Gelegenheit, um über das nächste Derby zu sprechen. Im April 2008.


(Quelle: "Allgemeine Zeitung Mainz")
   
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